Vom Stromsystem zur integrierten Energiewelt: Warum Sektorkopplung die „Domain-Logik“ der Stadtwerke erfordert
Die Energiewende ist längst keine reine „Stromwende“ mehr. Wir stehen vor einer radikalen Vernetzung der Lebensbereiche Strom, Wärme, Verkehr und Industrie. Doch während die Technik für diese Sektorkopplung bereitsteht, hinken viele Unternehmensstrategien hinterher. Prof. Dr. Julian Kawoh (HTW Berlin) bringt es in aktuellen Fachgesprächen auf den Punkt: „Das größte Risiko für Unternehmen ist nicht die Disruption, sondern die Optimierung des Gestrigen.“ Für Stadtwerke und Energieversorgungsunternehmen (EVU) bedeutet das: Wer nur sein bestehendes Geschäft optimiert, verpasst die Märkte der Zukunft.
Anika Lenke (Managerin Erzeugung, Infrastruktur & Smart City) im Interview mit Prof. Julian Kawoh zum Thema Strategie im Umbruch.
Von der Industrie-Logik zur Domain-Logik
Bisher arbeiteten Sparten wie Strom, Gas und Wärme in Silos. Das ist „Industrie-Logik“: Man definiert sich über das Produkt Kilowattstunde. In einer vernetzten Welt greift das zu kurz. Sektorkopplung bedeutet, in Domänen zu denken.
Anstatt zu fragen: „Wie verkaufe ich mehr Strom?“, müssen Stadtwerke fragen: „Welches Problem im Leben der Menschen lösen wir?“
- Domäne Mobilität: Es geht nicht um Ladesäulen, sondern um nahtlose Fortbewegung.
- Domäne Wärme: Es geht nicht um Gas oder Fernwärme, sondern um ein klimaneutrales Zuhause.
- Domäne Industrie: Es geht um die Kopplung grüner Elektronen an Produktionsprozesse (z. B. durch die Verdoppelung der Elektrolyseziele auf 10 GW bis 2030).
Die harten Fakten: Der Druck steigt
Die Zahlen belegen die Dringlichkeit dieser Transformation:
- Rekordanteile: 2024 stammten bereits 59,4 % des Stroms aus Erneuerbaren. (Quelle)
- Massiver Bedarfsanstieg: Durch die Sektorkopplung (Wärmepumpen, E-Mobilität) wird der Bruttostromverbrauch bis 2030 auf ca. 700-705 TWh steigen (von 510 TWh in 2023). (Quelle)
- Geschwindigkeit der Konkurrenz: Agile Player wie Enpal oder 1komma5° warten nicht auf Stadtwerke-Prozesse. Kunden erwarten heute integrierte Angebote aus Energie und Mobilität – und zwar sofort. (Quelle)
(Quelle)
KI als strategischer Sparringspartner
Die Komplexität dieser neuen Welt – von virtuellen Kraftwerken bis hin zu volatilen Preisen – ist manuell kaum noch beherrschbar. Hier kommt Künstliche Intelligenz ins Spiel. Prof. Kawoh betont: „KI ist ein wundervolles Werkzeug, um Szenarien vorzudenken und Daten zu analysieren.“
KI hilft Stadtwerken dabei:
- Future Market Readiness zu messen: Wo sind wir heute schon in zukunftsträchtigen Domänen aktiv?
- Szenariomodellierung: Was passiert, wenn sich Mobilitätsmuster radikal ändern?
- Effizienz: Weg vom „Excel-Jockeying“ hin zur echten Strategiearbeit.
Wichtig dabei: KI ersetzt nicht den Strategen. Die menschliche Erfahrung ist kritisch, um die Ergebnisse zu validieren und das notwendige Stakeholder-Management im Unternehmen und gegenüber den kommunalen Anteilseignern zu betreiben.
Konsequenzen für die Organisation: Drei Hebel für die Zukunft
Um „Future Ready“ zu werden, müssen Stadtwerke drei strategische Hebel umlegen:
1. Portfolio statt Einzellösung
Denken Sie nicht in 10-Jahres-Plänen, die in der Schublade verstauben. Nutzen Sie das Horizon-Modell: Kurzfristige Optimierung (Kernbusiness), angrenzende Innovationen (Sektorkopplung) und strategische Wetten auf die Märkte von morgen. Brechen Sie große Zyklen in 2- bis 3-jährige Wellen auf.
2. Pilotprojekte vs. „Pilotitis“
Starten Sie Pilotprojekte, aber mit dem Ziel der Skalierung. Prof. Kawoh warnt davor, „mehr Piloten als die Lufthansa“ zu haben, ohne jemals in den Regelbetrieb zu kommen. Sprints und Venture Building sind Mittel zum Zweck, um Geschwindigkeit aufzubauen.
3. Narrativ und Kultur
Sektorkopplung erfordert eine prozessuale Öffnung. Der Vertrieb braucht technisches Know-how, die IT muss sektorübergreifende Prozesse abbilden. Das Wichtigste: Entwickeln Sie ein Narrativ für Ihren Vorstand und Ihre Mitarbeiter. Warum ist der Wandel zum „Manager der Energiewende“ der einzige Weg, um langfristig profitabel zu bleiben?
Fazit: Den Fächer aufmachen
Sektorkopplung ist kein technisches Problem, sondern eine strategische Chance. Wer die Linse weitet und sich von der reinen Produkt-Logik verabschiedet, wird zum unverzichtbaren Partner in den neuen Lebenswelten der Kunden.
Sie möchten die „Future Market Readiness“ Ihres Hauses prüfen? Die Energieforen begleiten Sie dabei, diese komplexen Anforderungen in greifbare Strategien zu übersetzen. Von der Optimierung Ihrer IT-Landschaft bis hin zur Entwicklung neuer Geschäftsmodelle in den Domänen der Zukunft.