Energiebeschaffung: Strategien für die Zukunft
Volatile Märkte, wachsende regulatorische Anforderungen und ein erheblicher Digitalisierungsrückstand prägen die Energiebeschaffung heute. Eine bundesweite Umfrage unter 40 Versorgern zeigt den Status quo und was Stadtwerke jetzt konkret angehen müssen.
Die Energiebeschaffung in Deutschland befindet sich an einem Wendepunkt. Was lange als operative Pflichtaufgabe galt, entwickelt sich zum strategischen Hebel mit unmittelbarer Wirkung auf Wettbewerbsfähigkeit, Versorgungssicherheit und schließlich auch auf die Kundenzufriedenheit. Das zeigen die Ergebnisse einer bundesweiten Umfrage, die die Energieforen Leipzig GmbH und die FORRS GmbH im Frühjahr 2025 gemeinsam durchgeführt haben. 40 Versorger und Stadtwerke aller Größenordnungen haben daran teilgenommen. Das Ergebnis: Viele Unternehmen befinden sich im Aufbruch, aber zwischen Erkenntnis und konsequenter Umsetzung klafft eine deutliche Lücke.
Marktvolatilität und Regulierung als treibende Kräfte
Der durchschnittliche EPEX Spotpreis fiel von rund 95,20 Euro pro MWh im Jahr 2023 auf 76,57 Euro im Jahr 2024. Solche Bewegungen machen kurzfristige Strategien attraktiv, erhöhen aber zugleich das Risiko. Gleichzeitig verschiebt der massive Ausbau erneuerbarer Energien die Marktmechanik grundlegend: Erzeugung wird zunehmend stochastisch gesteuert, der klassische Grundlastgedanke verliert an Bedeutung. Das erfordert digitalisierte Systeme, die diese Dynamik im 24/7-Betrieb bewältigen können.
Regulatorisch wächst der Druck ebenfalls: Redispatch 2.0, Scope-3-Berichtspflichten, CO₂-Bepreisung und die Einführung des EU-ETS II ab 2027 beeinflussen Beschaffungsentscheidungen direkt. 77% der Befragten sehen klimaneutrale Angebote heute schon als relevant für ihre Kunden, 95% halten sie künftig für notwendig.
Strukturierte Beschaffung dominiert, kurzfristige Modelle gewinnen
Das Tranchenmodell bleibt das Rückgrat der Branche: 86 % der Unternehmen setzen darauf. Fast 95 % nutzen den Terminhandel, 70 % OTC-Geschäfte, mehr als 62 % Spotauktionen am Day-Ahead-Markt. Der klassische Festpreisvertrag verliert hingegen an Boden, weil Preisaufschläge gestiegen und die fehlende Flexibilität zum Wettbewerbsnachteil werden.
Die Verteilung der genutzten Marktzugänge verdeutlicht die aktuelle Dominanz klassischer Handelsformen gegenüber modernen Ansätzen wie Power Purchase Agreements (PPAs).
Kontinuierlicher Intraday-Handel und PPAs sind jeweils erst bei rund 30% der Versorger im Einsatz. Besonders interessant, aber auch kritisch: Nur 19% der Unternehmen können innerhalb einer Stunde auf Preisveränderungen reagieren, ein Drittel gibt an, überhaupt nicht flexibel agieren zu können.
Risiken erkannt, aber nicht überall systematisch gemanagt
Über 82% der Unternehmen sehen finanzielle Risiken als wesentlichen Bestandteil ihrer Strategie. Das Marktpreisrisiko dominiert klar, operative Risiken und Liquiditätsanforderungen werden hingegen deutlich weniger priorisiert. Hedging und Diversifikation sind die meistgenannten Instrumente. Ein integriertes Risikokonzept, das Marktpreis, Kredit und Liquidität gemeinsam adressiert, fehlt allerdings noch in vielen Häusern.
Digitalisierung: Potenzial erkannt, Umsetzung schleppend
EDM-Systeme nutzen rund 72% der Befragten, Portfoliomanagementsysteme knapp 60%. Auto-Trader und Optimierungssoftware sind dagegen erst bei 19% im Einsatz. KI-gestützte Prognosetools setzen heute nur 15% ein. Der Marktzugang läuft bei über 73% über externe Handelsdienstleister. Die digitale Infrastruktur ist teilweise vorhanden, aber nicht integriert genug, um die Geschwindigkeit moderner Energiemärkte zu verarbeiten.
Was Versorger jetzt angehen sollten
Aus den Ergebnissen lassen sich klare Handlungsfelder ableiten: Beschaffung muss als strategisches Steuerungsinstrument verstanden und intern entsprechend verankert werden. Beschaffungsmodelle brauchen mehr Flexibilität durch Spot- und Intraday-Komponenten. Bestehende Systeme müssen stärker integriert und automatisiert werden. Das Risikomanagement sollte Marktpreis, Kredit und Liquidität ganzheitlich adressieren. Digitalisierungsprojekte gehören pilotiert, nicht nur beobachtet. Und: Veränderungsvorhaben brauchen realistische Budgets. Die Studie zeigt, dass erst 25% der Unternehmen konkrete Mittel dafür bereitgestellt haben.
Der Fachkräftemangel verschärft den Druck zusätzlich. Wer heute nicht in Wissen, Systeme und effiziente Prozesse investiert, riskiert morgen seine Handlungsfähigkeit. Die Zukunft liegt im intelligenten Zusammenspiel aus Marktverständnis, Technologie und Veränderungsbereitschaft.
Veranstaltungshinweis: Design-Werkstatt „Beschaffungssystem der Zukunft"
Die Befragung hat den Handlungsbedarf sichtbar gemacht. Die logische Antwort darauf ist die Design-Werkstatt „Beschaffungssystem der Zukunft" am 16. & 17. November in Leipzig.
Im Workshop werden neben LEGO-Modellen zur haptischen Visualisierung komplexer Schnittstellen und Systemlandschaften auch weitere interaktive Workshopformate genutzt, um zukunftsfähige Strategien greifbar zu machen. Dieser vielseitige methodische Ansatz ermöglicht es, abstrakte Konzepte direkt in baubare und praxistaugliche Architekturen zu überführen.
Gemeinsam mit Energieversorgern, der Forrs GmbH und den Energieforen sollen in der Werkstatt praxistaugliche Antworten auf die drängendsten Fragen der Branche entwickelt werden: von der Rollenveränderung in der Beschaffung über Dekarbonisierungsziele bis hin zum konkreten Technologieeinsatz.
Alle Informationen und die Anmeldung: Design-Werkstatt „Beschaffungssystem der Zukunft" Design-Werkstatt Beschaffungssystem der Zukunft
Kostenfreies Whitepaper zum Download: Beschaffung und Handel in der Energiewirtschaft
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