Die Kommunale Wärmeplanung ist (fast) fertig – und jetzt? Warum EVU, Stadtwerke und Netzbetreiber jetzt ihre Unternehmensstrategie neu ausrichten müssen
Viele Stadtwerke, Energieversorgungsunternehmen (EVU) und Netzbetreiber (NB) haben in den vergangenen Monaten enorme Ressourcen in einen Prozess gesteckt, der auf den ersten Blick vor allem eine kommunale Pflichtaufgabe war: die Erstellung der Kommunalen Wärmeplanung (KWP). Datenerhebung, Szenarienrechnung, Gebietseinteilung, Abstimmung mit der Kommune – ein aufwändiger, oft mehrjähriger Prozess. Ob der Wärmeplan in Ihrer Region bereits offiziell beschlossen wurde oder sich auf der Zielgeraden befindet: Sobald das Dokument Form annimmt, atmen viele Projektteams erst einmal durch. Verständlich. Doch genau an diesem Punkt beginnt erst die eigentliche unternehmerische Arbeit.
Die KWP ist kein rein administratives Dokument. Sie stellt ein politisch abgestimmtes Zukunftsszenario für eine Kommune dar – die konkrete Aussage darüber trifft, wie sich die Wärmeversorgung vor Ort in den kommenden 20 Jahren entwickeln soll. Ein solches Zukunftsszenario mit hoher Detailtiefe hat unmittelbare Konsequenzen für die gesamte Unternehmensstrategie des Versorgers. Wer die KWP nur als regulatorischen Haken betrachtet, statt sie strategisch zu nutzen, lässt einen der wertvollsten Impulse der vergangenen Jahre ungenutzt liegen.
Thesen vs. Realität: Die KWP als Ihr konkretes Zukunftsszenario
Bei der klassischen Entwicklung einer Unternehmensstrategie kann am Anfang die Konstruktion eines wahrscheinlichen Zukunftsszenarios bspw. für die Infrastruktur, die demografische Entwicklung sowie die Stadt- und Regionalentwicklung im Allgemeinen stehen. Häufig geschieht dies auf Basis von thesenbasierten Modellen und Trendanalysen. Ein solches strategisches Thesenpapier entwirft Annahmen für ein dekarbonisiertes Zieljahr (z. B. 2040), wie sie typischerweise im folgenden Spektrum angesiedelt sind:
- Sektorenkopplung & Digitalisierung: Intelligente Kopplung aller Sektoren (Strom, Gas, Wärme/Kälte, Mobilität) und der Aufbau eines umfassenden Energiemanagements.
- Erzeugung & Speicherung: Saisonaler Ausgleich durch Power-to-X-Technologien und den Einsatz von Großwärmespeichern sowie Wasserstoff.
- Infrastrukturaufteilung: Versorgung des urbanen Raums über Fernwärme und Fokus auf dezentrale/individuelle Lösungen im ländlichen Raum.
- Rolle der Netze: Dekarbonisierung des Wärmemixes, Dimensionierung des Gasnetzes auf dezentrale Einspeisung und reine Prozessgase sowie die Elektrifizierung des Verkehrs bei stark steigendem Strombedarf.
Diese abstrakten Thesen sind für die strategische Orientierung wertvoll. Sie haben jedoch einen entscheidenden Nachteil: Sie sind oft global oder national formuliert und müssen mühsam auf das eigene Versorgungsgebiet heruntergebrochen werden.
Und genau hier liegt der enorme Hebel der Kommunalen Wärmeplanung: Die KWP liefert eine außergewöhnlich belastbare Grundlage und nimmt Ihnen die abstrakte Thesenarbeit für Ihr Kerngebiet ab! Sie ist das bereits fertig ausgearbeitete, gebietsscharfe und politisch legitimierte Zukunftsszenario für Ihre konkrete Region. Anstelle von theoretischen Annahmen liefert die KWP handfeste Fakten darüber, wo konkret Netze ausgebaut, wo dezentrale Lösungen dominieren und wie sich die Infrastrukturen vor Ort verändern werden.
Die entscheidende strategische Frage für EVU, Stadtwerke und Netzbetreiber lautet daher nicht mehr, wie ein theoretisches Zukunftsszenario aussehen könnte, sondern: „Wo ist unser Platz als EVU/SW/NB in diesem bereits definierten Szenario?“
Warum jetzt der richtige Moment ist!
Drei wesentliche Gründe sprechen dafür, den (bevorstehenden) Abschluss der Wärmeplanung als konkreten Anlass für eine Strategieentwicklung oder einen gezielten Strategie-Review zu nutzen:
- Die Datenlage war nie besser: Für die KWP wurden Gebäudebestand, Wärmebedarfsdichten, die vorhandene Netzinfrastruktur und die Potenziale für erneuerbare Wärmequellen systematisch erhoben und ausgewertet. Diese exzellente Datenbasis lässt sich hervorragend für die strategische Priorisierung von Investitionen und zukünftigen Geschäftsfeldern einsetzen.
- Bestehende Strategien basieren häufig auf veralteten Annahmen: Viele Unternehmensstrategien wurden vor der KWP oder auf Basis von vorläufigen Transformationsplänen entwickelt. Nun liegt eine belastbare, öffentlich kommunizierte und politisch abgestimmte Grundlage vor – ein optimaler Anlass, die Ziele, Handlungsfelder und Maßnahmen der bestehenden Strategie auf den Prüfstand zu stellen.
- Der Handlungsdruck steigt spürbar: Mit der Veröffentlichung der KWP wachsen auch die Erwartungen von Kommunen, der lokalen Politik und der Kundschaft an konkrete, sichtbare Folgeschritte. Wer jetzt keine klaren unternehmerischen Antworten liefert, verliert wertvolle Zeit – und im Zweifel das Vertrauen sowie Marktanteile an Wettbewerber oder neue Marktteilnehmer, die die Wärmewende aktiv für sich besetzen.
Sie sind neugierig auf die direkte Anwendung?
In unserem Blogbeitrag Energiezukunft gestalten: Linz AG über den dynamischen Prozess der Strategieentwicklung erfahren Sie, wie die Linz AG einen von uns begleiteten Strategieprozess durchlaufen hat und welche spannende Erkenntnisse enstanden sind. Im Gespräch zwischen Josef Siligan (Vorstand bei der Linz AG) und Raphael Noack (Geschäftsführer der Energieforen Leipzig) werden die Vorteile eines integrativen, offenen und bereichsübergreifenden Vorgehens im Strategieprozess deutlich.
Strategische Hürden und regulatorische Aspekte
Obwohl die KWP als fertiges Szenario eine hervorragende Grundlage bietet, entstehen in der Praxis erhebliche strategische und organisationale Hürden bei ihrer Übersetzung in die Unternehmensrealität:
1. Die Pflichtaufgaben-Falle (Regulatorische Hürde)
Da die KWP rechtlich als kommunale bzw. gesetzliche Pflichtaufgabe verankert ist, besteht im Unternehmen die Gefahr einer reinen „Häkchen-Mentalität“. Der Fokus liegt dann auf der Berichterstellung und der Erfüllung regulatorischer Vorgaben. Wird die KWP nur als Pflichtübung abgehakt und das Dokument archiviert, verbleiben die wertvollen Daten ungenutzt in der Schublade.
2. Veränderte strategische Stellhebel
Die Ergebnisse der KWP greifen z.T. tief in das traditionelle Geschäftsmodell ein und machen harte Entscheidungen in zentralen Bereichen erforderlich:
- Investitions- und Netzplanung: In welchen Teilen des Netzgebietes lohnt sich der Ausbau? Wo drohen durch den Rückzug aus der fossilen Versorgung Fehlinvestitionen (Stranded Investments)?
- Produkt- und Vertriebsstrategie: Welche Produkte (wie Fernwärmeanschlüsse, Wärmepumpen-Contracting, Quartierskonzepte) müssen in welchem Gebiet aktiv vermarktet werden?
- Kundenkommunikation: Wie übersetzt man die abstrakte Wärmeplanung in eine verständliche Orientierungshilfe für Bürger sowie Wohnungs- und Hauseigentümer, um Vertrauen zu sichern?
- Personal und Kompetenzen: Welche neuen Fähigkeiten und Prozesse müssen aufgebaut werden, um dekarbonisierte Technologien und neue Dienstleistungen zu planen, operativ umzusetzen und zu verkaufen?
- Finanzierung: Wie lassen sich die immensen Investitionssummen über geeignete Finanzierungsformen, Beteiligungs-, Kooperationsmodelle oder Fördermodelle refinanzieren? Weitere Informationen zum Thema nachhaltige Finanzierung finden Sie hier.
Die KWP deckt diese Fragestellungen schonungslos auf, beantwortet sie jedoch nicht. Sie zwingt die Versorger dazu, aus der passiven Rolle des Planers in die aktive Rolle des Gestalters überzugehen. D.h. kann die KWP als Bestandteil eines Zukunftsszenarios für die Entwicklung der Wärmeversorgung in der Region gesehen werden. Dieses Szenario steht über den weiteren strategischen Überlegungen und dient als Ausgangspunkt für die Entwicklung oder Überprüfung der Unternehmensstrategie. Daraus werden zunächst ein unternehmerisches Zielbild und strategische Leitsätze abgeleitet. Auf dieser Grundlage lassen sich konkrete Unternehmensziele und Geschäftsfelder bestimmen sowie passende Handlungsfelder, Maßnahmen und eine Roadmap entwickeln. Die Strategie wird anschließend umgesetzt, gesteuert und regelmäßig überprüft, damit sie an veränderte Rahmenbedingungen angepasst und dauerhaft im Unternehmen verankert werden kann.
Strategieentwicklung oder Strategie-Review – was passt zu Ihrem Unternehmen?
Nicht jedes Unternehmen benötigt denselben Prozess. Die Ausgangslage Ihres Hauses entscheidet über den richtigen Weg:
- Der Strategie-Review: Verfügt Ihr Versorgungsunternehmen bereits über eine tragfähige, aktuelle Unternehmensstrategie mit einem ambitionierten Zukunftsbild, geht es in der Regel um einen fokussierten Strategie-Review. Die Ergebnisse der KWP werden systematisch gegen bestehende Ziele, Handlungsfelder und Maßnahmen gespiegelt. Lücken werden identifiziert, Risiken bewertet und Anpassungen priorisiert.
- Die Strategieentwicklung: Liegt die letzte umfassende Strategieentwicklungsprozess hingegen bereits einige Jahre zurück und haben sich seither die externen und/oder internen Rahmenbedingungen grundlegend verschoben? In diesem Fall ist eine umfassende Neuentwicklung der Unternehmensstrategie der sinnvollere Weg. Ausgehend von der KWP als lokalem Zukunftsszenario wird ein wegweisendes Zukunftsbild für das gesamte Unternehmen entwickelt und mit klaren, neuen Unternehmenszielen, Geschäftsfeldern, Handlungsfeldern und operativen Maßnahmen untermauert.
In beiden Fällen gilt: Die kommunale Wärmeplanung liefert nicht die fertige Strategie, sondern das sachliche Fundament. Das eigentliche unternehmerische Handeln besteht darin, aus diesem Zukunftsszenario konkrete, priorisierte und finanzierbare Handlungsfelder abzuleiten – und diese im Unternehmen auch tatsächlich zu verankern und umzusetzen.
Vom Szenario zur Strategie: Das Leipziger Zukunftsmodell (LZM) als Brücke
Damit aus den Ergebnissen der Wärmeplanung eine wirksame und tragfähige Unternehmensstrategie entsteht, bedarf es eines strukturierten Übersetzungsverfahrens. Hier schlägt das Leipziger Zukunftsmodell (LZM) die ideale Brücke. Das LZM bietet eine bewährte, systematische Methodik, um strategische Herausforderungen strukturiert zu bewältigen und den Weg vom Zukunftsbild bis zur tatsächlichen Verankerung im Unternehmen zu begleiten.
Das Vorgehen orientiert sich an vier aufeinander aufbauenden Phasen:
- Identifizieren: Im ersten Schritt werden die zentralen und gebietsscharfen Aussagen der KWP systematisch auf ihre strategische Relevanz für das eigene Unternehmen hin analysiert. Welche konkreten Netze, Stadtteile und Kundensegmente sind primär betroffen?
- Übersetzen: Die räumlichen und technischen Ergebnisse der KWP werden in konkrete Chancen und Risiken für die klassischen Säulen des Versorgers übersetzt – namentlich für die Bereiche Erzeugung, Netz, Vertrieb und die interne Organisation. Hieraus werden erste strategische Handlungsfelder abgeleitet.
- Gestalten: Die identifizierten Handlungsfelder und Maßnahmen werden einer strengen Bewertung hinsichtlich ihres Nutzens und ihrer Machbarkeit unterzogen. Sie werden realistisch mit dem notwendigen Investitionsbedarf, den benötigten Personalressourcen und einem klaren Zeithorizont hinterlegt, um ein konsistentes Zielbild zu formen.
- Umsetzen: Die abgeleitete Strategie wird über konkrete Zielbilder, steuerbare Kennzahlen und eine detaillierte Roadmap im Unternehmen verankert. Ein kontinuierlicher Strategieumsetzungsprozess, welche die operative Umsetzung der Handlungsfelder und Maßnahmen mit regelmäßigen Strategie-Reviews vereint, sichert den langfristigen Erfolg und verhindert, dass die Strategie im Tagesgeschäft versandet.
Dieses strukturierte Vorgehen stellt sicher, dass die KWP nicht als regulatorische Pflichtübung endet, sondern zum echten Fundament für ein Zukunftsbild wird, mit dem sich Stadtwerke als das positionieren können, was sie sein wollen: Der zentrale Gestalter der Wärmewende vor Ort.
Sie wollen mehr dazu erfahren? Dann klicken Sie hier: ,,Wie halten Unternehmen 2026 ihre Strategie auf Kurs?”
Wie die Energieforen Leipzig Sie dabei unterstützen können
Genau an diesem kritischen Übergang – von den Daten und Plänen der kommunalen Wärmeplanung hin zur Unternehmensstrategie – setzt unsere Beratungsfeld „Strategie & New Business“ an. Wir begleiten Stadtwerke, Energieversorger und Netzbetreiber unabhängig von ihrer aktuellen Projektphase.
Unser Unterstützungsangebot umfasst:
- Strategischer KWP-Check: Wir prüfen gemeinsam mit Ihnen die Ergebnisse Ihrer Wärmeplanung (oder den aktuellen Zwischenstand auf der Zielgeraden) strukturiert auf die strategische Relevanz für Ihr Geschäftsmodell und beziehen uns dabei auf die aktuellen regulatorischen Anforderungen.
- Zielbildentwicklung & Review: Wir unterstützen Sie dabei, auf Basis der KWP-Daten ein tragfähiges und ambitioniertes Zukunftsbild für Ihr Unternehmen zu entwickeln oder Ihre bestehende Unternehmensstrategie im Rahmen eines fokussierten Reviews auf den Prüfstand zu stellen.
- Ableitung von Handlungsfeldern: Wir begleiten Sie bei der Definition konkreter Ziele, Handlungsfelder und Maßnahmen
- Verankerung & Begleitung: Wir helfen Ihnen, die neue Strategie mithilfe des Leipziger Zukunftsmodells so mit Ihren Führungskräften und Mitarbeitenden zu erarbeiten, dass sie im Alltag getragen, gelebt und in regelmäßigen Abständen reviewt wird.
Dabei setzen wir bewährte Werkzeuge aus dem Leipziger Zukunftsmodell ein und bringen unsere Moderations- und Branchenerfahrung aus zahlreichen Strategieentwicklungs- und Review-Projekten mit Versorgern unterschiedlicher Größenordnung ein – von der ersten Analyse über die Strategieentwicklung bis zur Umsetzung und zum regelmäßigen Review. Wir sorgen dafür, dass Sie die Daten der Wärmeplanung gewinnbringend für Ihre Marktpositionierung nutzen.
Sie brauchen Unterstützung im Strategiesteuerungsprozess? Weitere Informationen finden Sie in unserem Beratungsfeld "Strategie & New Business".
Fazit
Die Kommunale Wärmeplanung ist weit mehr als eine gesetzliche Pflichtaufgabe – sie ist das bislang konkreteste und handfeste Zukunftsszenario, das viele Versorger je für ihr Netz- und Versorgungsgebiet vorliegen hatten. Wer dieses Szenario lediglich als abgeschlossenes regulatorisches Projekt betrachtet, verschenkt wertvolles Potenzial und riskiert Marktanteile. Wer die KWP hingegen als strategisches Fundament begreift und mithilfe strukturierter Methoden wie dem Leipziger Zukunftsmodell konsequent in die eigene Unternehmensstrategie integriert, sichert sich die Rolle des zentralen Gestalters der Wärmewende vor Ort.
Möchten Sie die Ergebnisse Ihrer Wärmeplanung strategisch übersetzen? Ob kompakter Strategie-Review oder umfassende Strategieentwicklung – sprechen Sie uns an. Wir unterstützen Sie dabei, aus Daten Taten und somit aus Ihrem Zukunftsszenario eine wirksame und tragfähige Unternehmensstrategie zu machen.
Sie haben Fragen?
Ich freue mich auf das Gespräch mit Ihnen.